Der Bahnhof als Schmelztiegel.
2. März 2017, Markus Streckeisen

Der Bahnhof als Schmelztiegel.

Was bietet der «Bahnhof der Zukunft»? Markus Streckeisen, Leiter Bewirtschaftung, und Peter Wicki, Leiter Portfolio Management, beide von SBB Immobilien, erklären, warum der Bahnhof zum Wohnzimmer wird und weshalb die immer gleichen Shops zu finden sind.


Der «Bahnhof der Zukunft» soll sich vom reinen ÖV-Zubringer zum Aufenthaltsort entwickeln. Wird er zum Wohnzimmer?

Peter Wicki (PW): Für gewisse Kunden zu einer bestimmten Zeit sicher. Denn Arbeit und Freizeit vermischen sich zusehends – der Bahnhof bietet Raum für beides. Er ist ein Schmelztiegel, wo Leute zusammenkommen, arbeiten, sich treffen oder weiterziehen.

Das derzeitige Fastfood-Angebot macht den Bahnhof aber nicht gerade wohnlich…

Markus Streckeisen (MS): Heute wollen die Leute unterwegs schnell etwas Schmackhaftes essen. Für die Zukunft lautet die Frage aber: Wie gewinnen wir neue Kunden, die den Bahnhof nicht wegen eines Verkehrsmittels aufsuchen? Im Bahnhof Madrid Atocha gibt es zum Beispiel einen tropischen Urwald. Da bleiben die Gäste in den angrenzenden Restaurants länger sitzen. Auch wir müssen mutiger werden.

PW: Ein Bahnhof kann auch eine emotionale Wirkung haben. In der Central Station gibt es keine grosse Attraktion, sie strahlt in der New Yorker Hektik aber eine angenehme Ruhe aus. 

Wir haben in der Schweiz aber kaum Bahnhöfe mit riesigen Bahnhofshallen…

MS: Auch kleinere Bahnhöfe können berühren, zum Beispiel die «Terrazza del Ticino»  in Lugano. Es geht darum, dass wir mit unseren Bahnhöfen die Zentren wieder mitgestalten – auch in Ortschaften wie Burgdorf oder Wil SG.  

PW: Das ist auch für die Mobilität der Zukunft von Bedeutung. Der Bahnhof und sein Umfeld werden noch stärker zur Schnittstelle verschiedenster Verkehrsmittel. Dadurch können wir neue Kunden gewinnen.  

Wie sieht ein Bahnhof in 20 Jahren aus?

PW: Es gibt mehrere Zonen: Reine Transitzonen und Aufenthaltsbereiche. Das Bahnhofumfeld wird mit neuen Gebäuden und öffentlichen Plätzen aufgewertet. Smarte Technologie kombiniert die verschiedenen Mobilitätsträger miteinander. Der Kunde wählt, ob er komfortabel, schnell oder günstig ans Ziel kommen will. 

MS: Wir müssen aber noch weiter denken: Transitbereiche müssen zu Dienstleistungszonen werden. Zum Beispiel sollen Kunden ihre zuvor bestellten Einkäufe dort abholen können, wo sie wünschen.   

Bereits heute gibt es in den grossen Bahnhöfen zahlreiche Angebote. Künftig sollen noch mehr dazu kommen. Werden die Bahnhöfe nicht zu stark kommerzialisiert?

MS: Wichtig ist, dass die Geschäfte die Personenflüsse nicht beeinträchtigen und der Bahnzugang hindernisfrei ist. Deshalb haben wir in den letzten Jahren stark aufgeräumt. In Anbetracht der hohen Frequenzen ist das kommerzielle Potenzial aber noch nicht ausgeschöpft.  

PW: Ich glaube nicht, dass die Kommerzialisierung ein Problem ist. Die Leute sind froh, dass sie sich unterwegs verpflegen oder einkaufen können. Das zeigen die Umsätze deutlich. Das Angebot muss aber attraktiv sein.     

Derzeit ist die Vielfalt ja nicht gerade gross. Sind nicht fast überall dieselben Shops?

MS: Gewisse Geschäfte haben wir erfolgsbedingt wohl etwas oft berücksichtigt, das stimmt. Aber ohne die grossen Anbieter geht im heutigen Detailhandel nichts mehr. Wenn wir auch in Zukunft genügend Einnahmen wollen, müssen wir kreativ sein. Im Bahnhof der Zukunft sollen die «grossen» Anbieter aus Gastronomie, Lebensmittelbranche, Dienstleistung und Gesundheit das Fundament bilden. So kriegen wir Luft, um auch kleine und lokale Betriebe in die Bahnhöfe zu holen.

PW: Potenzial haben auch die Areale, die nahe bei den Bahnhöfen liegen. Schauen wir die Europaallee an: Wir verzichten im Erdgeschoss bewusst auf Gewinnmaximierung und haben so vielfältige lokale Geschäfte. Das Quartier erhält eine Identität. Dadurch werden auch die Wohnungen in den Obergeschossen attraktiver.

Wie fliessen die Bedürfnisse der Kunden derzeit in die Entwicklungen ein? 

MS: Aktuell noch viel zu wenig. Heute sind meist verkehrsplanerische oder kommerzielle Aspekte Auslöser für Veränderungen. Hier müssen wir noch aufholen.  

PW: Einen interessanten Ansatz, die Bedürfnisse der Kunden abzuholen, bietet die sogenannte Augmented Reality. Testpersonen unternehmen virtuelle Rundgänge durch ein noch nicht gebautes Gebäude. Dabei wird beispielsweise anhand von Sensoren gemessen, wo sie sich gestresst fühlen. Das erlaubt, die Planung und den Bau zu optimieren. 

Wie verändert sich der Bahnhof kurzfristig? 

MS: In diesem Jahr werden wir beginnen, die Warteräume und Aufenthaltszonen schweizweit aufzuwerten. Vorreiter sind die Lounges im Bahnhof Zürich HB. Und darüber, ob die bestehende Raucherregelung noch zeitgemäss ist, werden wir sicher auch noch intensiv diskutieren.  

PW: Auch kleine Veränderungen im Alltag können viel bewirken. Dafür müssen wir Mitarbeitenden die Perspektive der Kunden einnehmen. Zum Beispiel bei Bauabsperrungen: Der Mehraufwand, um eine «improvisierte» Absperrung in eine «hochwertige» umzuwandeln, ist gering. Die Auswirkung für die Kunden aber gross.

Angenommen, Zeit und Geld würden keine Rolle spielen: Welcher «Bahnhofswunsch»  soll in Erfüllung gehen? 

PW: Neue Beleuchtungskonzepte in den Bahnhöfen. Hier könnten wir auf einen Schlag sehr viel erreichen: höhere Aufenthaltsqualität, gesteigertes Sicherheitsempfinden – und die teils wunderschönen Bahnhofgebäude kämen besser zur Geltung. Hohes Potenzial hätte beispielsweise der Bahnhof Zürich Enge. 

MS: Ein perfektes Klima im gesamten Bahnhof – von der Bahnhofshalle über die Geschäfte: im Winter angenehm warm und im Sommer wunderbar erfrischend.           
 


 

Bessere Bahnhöfe – ein steter Prozess.

Das Bewirtschaftungsteam von SBB Immobilien verbessert die Bahnhöfe laufend. Zum Beispiel bei der Möblierung: Die neuen Sitzgelegenheiten in Bern und Basel SBB, teils mit integrierter Handy-Ladestation, sind bei den Kunden beliebt. In mittlerweile 34 Bahnhöfen wird der Abfall dank Recycling-Stationen getrennt entsorgt. Und die neuen, robusten Zeitungsboxen werden dank der abgeschrägten Oberfläche nicht mehr zur Stehbar und Abfallablage zweckentfremdet. 

 

Markus Streckeisen:

«Transitbereiche müssen zu Dienstleistungszonen werden.»

Peter Wicki:

«Potenzial haben auch die Areale, die nahe bei den Bahnhöfen liegen.» 

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