«Damit eine Stadt funktioniert, braucht sie Vielfalt und eine ausreichende Verdichtung.»

«Damit eine Stadt funktioniert, braucht sie Vielfalt und eine ausreichende Verdichtung.»
4. Dezember 2018, Alexander Muhm im Gespräch mit Jean-Baptiste Ferrari

«Damit eine Stadt funktioniert, braucht sie Vielfalt und eine ausreichende Verdichtung.»

Die Brachen in unmittelbarer Nähe zu den Bahnhöfen sind Symbole einer vergangenen Industriezeit. Heute dienen sie schweizweit der Siedlungsentwicklung an zentraler Lage. So beispielsweise in Renens: Der Westen Lausannes befindet sich im Umbruch. Momentan entwickelt sich das alte Lagerhaus-Areal in ein Neubauquartier. Wie lässt sich eine neue Stadt im Herzen der Agglomeration bauen? Antworten des Architekten Jean-Baptiste Ferrari, Leiter des Büros Ferrari & Associés, welches das Projekt Parc du Simplon entworfen hat.

Wie würden Sie die architektonische Kultur beziehungsweise die Bedeutung der Architektur in unserem Land beschreiben?

Die Schweiz ist ein Architektenland. Zumal hier mit der EPFL, der ETHZ und der Akademie in Mendrisio international anerkannte Architekturschulen ansässig sind, die Generationen von Architekten ausbilden. Unser Land ist zudem ein einmaliges architektonisches Mosaik. In den historischen Stadtzentren am Genfersee sind bis heute Gebäude aus der Zeit der Savoyer zu sehen. Oder in St. Gallen mit seinen Fassaden-Erkern bewegen Sie sich mitten in der mitteleuropäischen Architektur. Kein anderes europäisches Land bietet innerhalb seiner Grenzen eine so vielfältige und abwechslungsreiche Architektur.

Zudem wird das bauliche Umfeld in der Schweiz respektiert und eine «menschliche» Architektur gepflegt – anders als in anderen Ländern, welche teilweise der «Show-Architektur» mit ihren Stararchitekten verfallen sind.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach SBB Immobilien beim Entwickeln von Bauprojekten?

SBB Immobilien entwickelt und bewirtschaftet ein einzigartiges Grundstück-Portfolio mit umgenutzten Arealen in Bahnhofsnähe, in Agglomerationskernen und somit bei der mobilen Bevölkerung. Wichtig ist, dass sich diese neu entwickelten Areale in das bestehende Stadtbild einfügen. Konkret heisst das, dass eine neue Stadt in der Stadt gebaut wird. Dies entspricht angesichts der demografischen Entwicklung einem realen Bedürfnis. Die Bahnbrachen bieten uns optimale Grundlagen für verdichtetes Bauen. Die Architekturwettbewerbe von SBB Immobilien regen zudem zu neuen, innovativen Ideen an.

Was unterscheidet Ihr Siegerprojekt für den Parc du Simplon in Renens von den Konkurrenzprojekten?

Mit unserem Projekt «Voie 9¾» haben wir versucht, auf die vielen Herausforderungen des Areals einzugehen. Dazu gehört, dass die lange Front direkt an den Bahngleisen dem dahinterliegenden Quartier Ruhe und Sicherheit bietet. Weiter wird der Austausch und die Mobilität im Rahmen des Langsamverkehrs geregelt. Schliesslich haben wir bei den Volumen aufgebrochene Winkel vorgeschlagen, um den Aussenbereichen Dynamik und Rhythmus zu verschaffen.

Da es sich um ein Projekt auf Stadtebene geht und nicht um ein Einzelobjekt, haben wir uns intensiv mit der Integration der Überbauung in das bestehende Stadtbild beschäftigt: Erneuern, nicht verunstalten – so unsere Devise. Die Lagerhallen, welche das Areal vorher besiedelten, stammten aus dem Jahre 1850. Deshalb haben wir die Gleisspuren, die diese Lagerhallen erschlossen, symbolisch auf dem Boden des gesamten Quartiers beibehalten. So werden sie zum materialisierten Bindeglied einer fast 200-jährigen Geschichte.

Was macht ein gutes Projekt oder einen guten Entwurf aus?

Das ist eine schwierige Frage. Gute Projekte sind immer ein Kompromiss zwischen der Phantasie und den Vorgaben. Anders gesagt: Der Architekt versucht, unter Berücksichtigung der Vorgaben möglichst nahe an das heranzukommen, was er ohne diese tun würde. Wenn wir es schaffen, der Bauherrschaft, der Öffentlichkeit, den künftigen Benutzerinnen und Benutzern klar zu machen, wie wir auf die verschiedenen Vorgaben eingegangen sind, dann ist es ein gutes Projekt.

Was ist der Nutzen für ein Projekt, das in oder neben einem Bahnhof gebaut wird?

Der Nutzen ist riesig. Die Schweiz ist das Bahnland «par excellence». Wenn der Kanton Jura und die Alpen weggedacht werden, bleibt uns gerade mal ein Drittel der Bodenfläche übrig: Ein Korridor zwischen Genf und Bodensee, durch den die wichtigsten Verkehrsverbindungen verlaufen. Und fast alle von uns sind unweigerlich Pendler oder zumindest potenzielle Pendler. In Tat und Wahrheit stellen die Bahnhöfe heutzutage die Quintessenz dieser helvetischen Urbanität dar. Dass wir heute die Siedlungsgebiete rund um diese Knoten neugestalten können, ist ein echter Glücksfall. Büros, Wohnungen, Geschäfte, Verwaltungen, Bildungsangebote und so weiter: Hier können wir konkrete Antworten für die Stadt von morgen entwickeln.

Für Renens ist der Fall klar: Der Bahnhof war eine mit Depots und Lagerhäusern versehene Fluchtlinie. Eine Zone, die sich ganz alleine vom Siedlungsgebiet isolierte. Heute übernehmen wir wieder die Kontrolle über dieses Niemandsland und bieten Antworten auf die demografische Herausforderung – und das wird Verdichtung genannt.

Woraus muss eine Stadt bestehen und was brauchen die (Schweizer) Städte in Zukunft?

Unser Projekt in Renens versucht, genau diese Frage elegant zu beantworten. Damit eine Stadt funktioniert, braucht sie Vielfalt und eine ausreichende Verdichtung. In diesem Sinn glaube ich behaupten zu dürfen, dass das Zeitalter der Zersiedelung nun endlich vorbei ist. Heute richtet sich unsere Aufmerksamkeit auf eine Konzentration verschiedener Nutzungszwecke wie zum Beispiel die Zonenplanung. Die zentrale Rolle des öffentlichen Raums darf ebenfalls nicht unterschätzt werden. Er muss innovativ und ansprechend ausgestaltet sein.

Ist «Smart City» für Sie ein hohler Begriff oder ein echter Nutzen?

Beides. Die «Smart City» wird seit zwanzig Jahren als Paradigmenwechsel und als revolutionäre Doktrin angekündigt, die alles auf den Kopf stellen wird. Aber so funktioniert das nicht. Die Realität ist viel intelligenter als Konzepte – und vor allem pragmatischer.  So beziehen wir in unsere Überlegungen etwa die neuen Formen des Langsamverkehrs ein, wie beispielsweise die Anzahl Parkplätze. Diese geht tendenziell zurück, da wir in Bahnhofsnähe bauen und weil sich die Welt verändert. Der eigene Personenwagen gehört nicht unbedingt zur Welt von morgen. Die «Smart City» ist nicht nur ein Konzept, sondern vielmehr ein Prozess der Anpassung. Die Städte werden dabei ganz alleine «smarter».

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Jean-Baptiste Ferrari
Jean-Baptiste Ferrari
Jean-Baptiste Ferrari wurde 1948 in Lausanne geboren. Er erlangte 1972 sein Diplom an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) und wurde mit dem SIA-Preis ausgezeichnet. Während des Studiums absolvierte er Praktika bei Jean-Marc Lamunière in Genf und bei Fonso Boschetti in Lausanne. 1986 gründete er das eigene Architekturbüro in Lausanne. Von 1988 bis 1990 war er Präsident der Waadtländer Sektion des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins. Er war Jury-Mitglied zahlreicher Architekturwettbewerbe und ist Mitglied der Chambre des architectes Waadt.

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