Stahl – ein unterschätztes Baumaterial mit viel Potenzial.

Stahl – ein unterschätztes Baumaterial mit viel Potenzial.
1. November 2018, Alexis Leuthold. im Gespräch mit Patric Fischli-Boson.

Stahl – ein unterschätztes Baumaterial mit viel Potenzial.

Der Verband Stahlbau Zentrum Schweiz SZS hat die SBB in diesem Jahr im Rahmen des Schweizer Stahlbaupreis «Prix Acier» für den Neubau des Radsatzlager des SBB Reparaturcenters Zürich Altstetten sowie die neue Ankunftshalle des Bahnhofs St. Gallen ausgezeichnet. Die SBB verbaut jährlich zig Tonnen Stahl u.a. für Fahrleitungen und Schienen und ist somit einer der grössten Abnehmer des Werkstoffs in der Schweiz.

Die Verwendung von Stahl beim Bau von Gebäuden ist hingegen «noch» nicht so verbreitet – obwohl das Material in vielen Aspekten wie z.B. Nachhaltigkeit und Effizienz punktet. Welches Potenzial Stahl noch bietet und welche Herausforderungen Stahlbauten mit sich bringen, dazu habe ich mich mit Patric Fischli-Boson, Leiter der Geschäftsstelle vom Verband Stahlbau Zentrum Schweiz SZS, unterhalten.

Es gibt kaum namhafte Stahlbauten in der Schweiz? Warum?

In der Tat hat sich in der Schweiz aus einer langen Bautradition der Betonbau etabliert und zur Standardbauweise entwickelt und daher viele Ikonen hervorgebracht. Der Stahl-, wie auch der Holzbau haben immer eine Nische besetzt und versuchen sich ihre Position mit innovativen Ansätzen zu sichern.

Ohne einzelne Architekten hervorheben zu wollen, kommt man in der Schweiz um die Solothurner Schule nicht umhin, wenn es um Schweizer Stahlbau geht. Der aktuelle Stahlbau orientiert sich jedoch weniger an der modularisierten Bauweise, sondern an einem systemisch-hybriden Ansatz.

Die häufig genannten technischen Nachteile des Stahlbaus wie Brandschutz und Bauphysik entstanden aufgrund der vernachlässigten Ausbildung der Stahlbauweise an den Hochschulen. Ein gutes Gegenbeispiel ist England, hier wird gegen 70% des Hochbaus in Stahl gebaut. Auch in England gibt es Anforderungen an Brandschutz, Gebrauchstauglichkeits- und Behaglichkeitskriterien. Diese Anforderungen können auch in Stahl gebaute Gebäude erfüllen, es gibt keine technischen Hürden im Stahlbau. Es handelt sich um eine andere Bauweise und somit eine andere Baukultur.

Was wird unternommen um diesen Nachteilen entgegenzutreten?

Einerseits versuchen wir die Planer mit technischen Hilfsmitteln zu unterstützen, sodass die Hürden für die Bauweise möglichst gering sind. Andererseits richten wir unseren Fokus auf die entwerfenden Architekten, welche häufig den Materialentscheid fällen. Mit Publikationen von und für Architekten, sowie Architekturwettbewerben versuchen wir das Interesse für die Bauweise zu wecken. Wir verfolgen einen diskursiven Ansatz und wenden uns dabei an kritische und hinterfragende Architekten.

Wieso hat der Stahlbau Vorteile gegenüber anderen Bauweisen?

Einerseits weist der Stahlbau in den klassischen Verwendungsgebieten seine Vorteile aus. Hier sind weitgespannte und hoch belastete Tragstrukturen im Fokus. Andererseits bietet sich Stahl vor allem in Kombination mit anderen Materialien an.

Wie sieht in Ihren Augen die Zukunft des Stahlbaus aus?

Die Stahlbauweise wie auch die Stahlbaubranche wird sich aufgrund der Digitalisierung rasant verändern. Die Umwälzungen werden wie auch bei den letzten industriellen Revolutionen Verlierer und Gewinner hervorbringen. Die Branche richtet sich konsequent auf eine digitalisierte Bauweise aus. Daraus entstehen für Bauherren und Planer interessante Neuerungen. Früher war man darauf bedacht, möglichst universelle Knoten zu entwickeln, welche in hoher Repetition wiederverwendet werden konnten. Mit der Digitalisierung ist diese Repetition nicht mehr wichtig, jeder Knoten kann individuell mit sehr kleinem Aufwand gefertigt und montiert werden. Dieser Umstand kann den Entwurf von Strukturen stark beeinflussen und an Attraktivität gewinnen.

Mit welchem Zukunftsprojekt beschäftigten Sie sich derzeit am meisten?

Uns beschäftigen momentan die Möglichkeiten der zirkulären Bauweise. Die Bauweise fokussiert auf die Wiederverwertung und Recyclierbarkeit von Gebäudestrukturen. Das lineare Denkmuster wird durch Bauen in Kreisläufen abgelöst. Unter den Begriffen, «Reduce», «Reuse», «Remanufacture» und «Recycle» bietet sich Stahl in Kombination mit anderen Materialien an, eine wichtige Rolle im Bereich des hybriden Bauens zu übernehmen. Wir erarbeiten in Arbeitsgruppen und in Kooperation mit Hochschulinstituten die Grundlagen dazu und werden diese in geeigneter Form für die Planer zur Verfügung stellen.

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Patric Fischli-Boson.
Patric Fischli-Boson.
Patric Fischli-Boson ist Inhaber und Partner der Büeler Fischli Bauingenieure GmbH. Neben dieser Tätigkeit leitet der diplomierte Bauingenieur bereits seit fünf Jahren die Geschäftsstelle des Stahlbauzentrums Schweiz SZS. Zudem ist er als Dozent für Tragwerkslehre und Stahlbau an der ZHAW in Winterthur tätig und u.a. Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für die Fachzeitschrift «Stahlbau».

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