Bringt Virtual Reality in der Wohnungsvermarktung Mehrwert für die Kunden?

Bringt Virtual Reality in der Wohnungsvermarktung Mehrwert für die Kunden?
26. Oktober 2018, David Wenger

Bringt Virtual Reality in der Wohnungsvermarktung Mehrwert für die Kunden?

Technologiegetriebene oder bedürfnisgetriebene Innovation?

Bei der SBB beschäftigen wir uns täglich damit, wie wir dank neuer Technologien Prozesse vereinfachen und Kundenbedürfnisse befriedigen können. Dabei stellt sich die Frage, ob die Innovation «nur» technologiegetrieben oder tatsächlich kundenbedürfnisgetrieben ist. Dies zeigt sich aktuell auch im Umfeld von Virtual-Reality (VR) Anwendungen. Zahlreiche Anwendungen auf dem Markt sind (noch) technologiegetrieben: es wird aufgezeigt, was alles möglich ist, jedoch (noch) selten, welche Probleme und Bedürfnisse damit wirklich gelöst werden können.

Mit einem VR-Piloten hat SBB Immobilien nun Erfahrungen gesammelt, ob mit der Technologie ein spürbarer Mehrwert für die Wohnungsmieter geschaffen werden kann.
 

    Virtual Reality.
    Als Marketinginstrument für Immobilien.

    Technologiegetriebene oder bedürfnisgetriebene Innovation?

Die Herausforderung.

Mit der SBB Immobilienstrategie investiert die SBB unter anderem stark im Bereich Wohnen. Dabei handelt es sich meist um Neubauten. Das heisst, potentielle Mieter müssen ihre künftigen Wohnungen «ab Grundriss» oder nach Besichtigung einer Musterwohnung mieten, was die Suche nach Mietern sowie den ganzen Erstvermietungsprozess ziemlich herausfordernd macht. Unsere Hypothese für den Piloten war, dass VR helfen kann, dem Wohnungsmieter den Entscheid zu erleichtern, da er die Wohnung virtuell bereits begehen und ein Gefühl für die Wohnung entwickeln kann.

Dank BIM und der grossen Anzahl an Neubauprojekten wäre eine solche VR-Anwendung gut skalierbar und könnte damit vielen Mietern einen spürbaren Mehrwert bieten.

360-Grad Rundgang auf der Website europaallee.ch/f über den Desktop
360-Grad Rundgang auf der Website europaallee.ch/f über den Desktop

Pilot bei Europaallee Haus F.

Für den Piloten eignete sich in der Europaallee das Haus F, welches sich aktuell in der Wohnungsvermarktung befindet und ab Mitte 2019 bezugsbereit sein wird.

Die Anforderungen an den Piloten wurden folgendermassen definiert:

  • Kanalübergreifend: Den Mietern soll kanalübergreifend (Website, App, Virtual Reality) das technisch bestmögliche Ergebnis im Bereich 360-Grad-Darstellung sowie VR geboten werden
  • Qualität: Die Qualität der verwendeten Daten und Bilder soll möglichst hoch sein
  • Ausreizen der Möglichkeiten: Alle funktionalen Möglichkeiten innerhalb von VR sollen ausgereizt werden, z.B. mit unterschiedlichen Möblierungen und Interaktionen mit der Wohnung
  • Rückmeldungen: Es sollen Feedbacks von Wohnungsmietern und Personen gewonnen werden, welche die VR-Infrastruktur bedienen.

Gemeinsam mit der Firma Raumgleiter wurde der Pilot auf den verschiedenen digitalen Kanälen aufgebaut und mit Verit Immobilien, dem Erstvermarkter, im Showroom der Europaallee getestet. Dabei gingen wir davon aus, dass der «klassische» Mieter folgende grobe Customer Journey absolviert:

  1. Information über die verfügbare Wohnung über die Website
  2. Anschliessend eine vertiefte Auseinandersetzung des Angebots über eine App
  3. Bei weiterhin bestehendem Interesse, Besuch im Showroom mit der VR-Anwendung.

Konkret wurde diese Customer Journey folgendermassen umgesetzt:

Auf der Website des Haus F ermöglicht eine Virtuelle Tour den potentiellen Mietern die Wohnung bereits von zu Hause am Desktop oder von unterwegs auf dem Smartphone in sehr hoher Qualität zu besichtigen. Ergänzend kann man auch mit einer eigenen VR-Brille (z.B. Google Cardboard) die Wohnung anschauen. Daneben werden wie bisher die Grundrisse, Spezifikationen sowie Preise der Wohnung abgebildet.

Möchte sich der Mieter vertieft über die Wohnung sowie das Quartier der Europaallee informieren, kann er dies über die Tablet-App tun. Dort findet er ergänzend zu den auf der Website angebotenen Anwendungen ein interaktives 3D-Modell des Europaallee-Quartiers sowie eine Schattenwurf-Simulation für das Haus F. Im Showroom an der Europaallee wird den potentiellen Mietern letztendlich die VR-Anwendung zur Verfügung gestellt: Mit der VR-Brille und den Controllern können sie sich in  einer zukünftigen Wohnung bei Tag oder Nacht bewegen, zwei verschiedene Wohnungseinrichtungen oder unmöbliert testen, die Wohnung aus der Vogelperspektive in Miniatur betrachten und mit der Wohnung interagieren. Die Interaktion reicht dabei vom Umstellen der Möblierung, Öffnen von plangenauen Küchenschränken bis hin zum An- und Abstellen des Wassers in der Badewanne.

Interaktive Tablett-App mit 3-D Modell
Interaktive Tablett-App mit 3-D Modell

Fazit des Piloten.

Bei der Evaluation des Piloten haben wir uns auf die VR-Anwendung fokussiert, da es sich hier um die grösste Neuheit handelt. Die Anwendungen auf der Website waren state-of-the-art für 360-Grad-Wohnungstouren. Die Tablet-App konnte noch nicht optimal in die Customer Journey eingebunden werden und erwies sich in der Handhabung noch als ausbaufähig.

VR vermittelt «Feeling» der Wohnung.

Die Kundenrückmeldungen zur VR-Anwendung waren äusserst positiv. Die Wohnungsmieter zeigten sich durchwegs begeistert von den Möglichkeiten und hatten über alle Altersgruppen hinweg keine Berührungsängste mit der Technologie. Schätzungsweise rund 90% von mietentscheidenden Fragen können mit der Anwendung geklärt werden. Hervorgehoben wurde auch, dass dank VR das «Feeling» der Wohnung vermittelt werden konnte.

Als kritischer Punkt kann einzig hervorgehoben werden, dass die Erwartungen der Mieter sofort steigen. So möchten die Mieter exakt jene Aussicht haben, welche sie aus «ihrer» Wohnung haben werden (im Piloten wurde nur eine Wohnung mit der entsprechenden Aussicht bereitgestellt). Selbst Details wie die Art der Spotlampen müssen stimmen, da der Mieter die Abbildung als 100%-Abbildung der zukünftigen Wohnung sieht.

VR erspart Zeit.

Auch für Verit war der Pilot durchwegs positiv. Nach anfänglichen Berührungsängsten mit der Technologie freuten sich die Mitarbeiter, den Mietern mit der Anwendung die zukünftigen Wohnungen vorzustellen. Dabei galt es jedoch zu beachten, dass eine Person ständig für die Betreuung der Anwendung zuständig war. Da der Kunde durch die Brille «blind» ist, muss eine Person die Bewegungen kontrollieren und früh genug warnen, bevor der Kunde in eine Wand läuft. Die Vermarkterin von Verit sagt rückblickend: «Die VR-Brille ersparte uns Zeit, da allfällige Rohbaubesichtigungen reduziert werden können. Bei diesen Besichtigungen sind die Kunden teilweise enttäuscht, da sie sich die fertige Wohnung nicht vorstellen können. Auch lässt der raue Ton auf Baustellen viele Leute zurückschrecken und ein daraus resultierendes ungutes Bauchgefühl kann den positiven Mietentscheid beeinflussen.» Auch Matthias Knuser von Raumgleiter sieht in der Technologie ein sehr grosses Potential: «Durch die rasanten Fortschritte wird das Erlebnis immer wahrheitsgetreuer, zum Beispiel durch das Hinzufügen von Sound oder die Haptik der Materialien. So sind wir der Überzeugung, dass wir die Kosten der Musterwohnung schon bald einsparen und durch die Virtual-Reality-Wohnung ersetzen können. Damit kann der Vermarkter schon sehr viel früher an den Markt.»

 

360-Grad Rundgang auf dem Smartphone auf europaallee.ch/f
360-Grad Rundgang auf dem Smartphone auf europaallee.ch/f

VR macht Spass.

Ich persönlich war erstaunt, dass die «Spielereien» wie beispielsweise das An- und Abstellen des Wassers sehr positiv wahrgenommen wurden. Anscheinend helfen diese kleinen Details, dass sich der Mieter bereits mit der Wohnung identifizieren konnte.

Nach diesen positiven Erfahrungen mit dem Pilotprojekt bin ich überzeugt, dass die VR-Technologie im Bereich der Wohnungsvermarktung ein tatsächliches Kundenbedürfnis erfüllt und einen deutlichen Mehrwert für alle Beteiligten bietet. Die entscheidenden Faktoren sind dafür meines Erachtens, dass die Bildqualität mittlerweile ein begeisterndes Erlebnis ermöglicht, eine de-facto Standardisierung bei der Programmiersprache stattgefunden hat und die benötigte Hardware ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis erreicht hat. Insbesondere beim letzten Punkt kann davon ausgegangen werden, dass sich dieses Verhältnis weiterhin sehr rasch entwickeln wird.  

Was sind ihre Erfahrungen mit Virtual Reality? Oder haben sie weitere Fragen? Gerne nehmen wir diese entgegen über web-im@sbb.ch.

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